Für heute, Mittwoch, hatten wir uns Ausspannen vorgenommen und vielleicht mal am Nachmittag runter ins Örtchen und nach einem Tauchcenter für die nächsten Tage schauen. Hat nicht geklappt, und das war super so! Zunächst begrüßt uns der Tag um 6 Uhr damit, dass die Natur langsam erwacht (bitte mit Ton abspielen, das ist der Clou hier):
Wenig später erhalten wir per WhatsApp die allgemeine Nachricht, dass die Gäste herzlich eingeladen sind, am Vormittag an der heiligen Vollmond-Zeremonie, dem Purnama, teilzunehmen. Wir sind annähernd die einzigen Gäste überhaupt und vor allem die einzigen, die dabei überhaupt mitmachen wollen. Auf Nachfrage heißt es, dieses einmal jährlich stattfindende geistliche Reinigungsritual dauert etwa 2 Stunden 😯 – so lange sitzen wir nicht einmal am Stück in der Kirche, und jetzt soll das auch noch draußen in der brütenden Mittagshitze geschehen? Womöglich noch im Schneidersitz? Mit unverständlichem, endlosen Priestergebrabbel und irgendwelchen Handlungen, die wir nicht verstehen und nicht nachmachen können? Ganz toll. Rob freut sich total drauf. Nicht.
Aber hey: die Leute hier sind super lieb. Sie haben eine vollkommen andere Kultur (Hinduismus), die wir kaum kennen und schon gar nicht verstehen – aber das ist ja wohl kein Grund sie abzulehnen. Im Gegenteil sind wir neugierig und fragen wir uns: warum sind wir eigentlich nach Bali gekommen? Nur zum Baden und Rollerfahren bestimmt nicht! Wir haben hier die einmalige Chance, das echte Land, die echten Menschen und ihr Leben kennenzulernen, das werden wir auch nutzen! Und wie so oft, wenn man sich einfach mal halbwegs unvoreingenommen auf etwas einlässt, kann man ganz schön überrascht werden:
Es beginnt damit, dass wir, wie alle anderen auch, als Zeichen des Respekts vor der Heiligkeit dieser Tradition, die immer nach dem 10. Vollmond des geistlichen Saka-Jahres stattfindet, einen Sarong anziehen. Und weil wir unwissende Bule (die „Bleichen“) sind, wird Gudrun und mir dieser Wickelrock selbstverständlich von einem Angestellten korrekt umgebunden (ähnlich wie ein großes Handtuch in der Sauna) – auf unterschiedliche Art und Weise bei Männern und Frauen.
100 Meter weiter steht ein kleiner Tempel, den wir bisher lediglich für eine Statuette gehalten haben. Hier haben sich schon ein gutes Dutzend jüngere und ältere Leute versammelt, alle wunderschön und festlich angezogen. Sie stellen kleine Opfergaben auf die provisorisch aufgebauten Tische – darunter Obst, eine gebratene Ente (samt Kopf und Schnabel 😨), Geldscheine und noch vieles mehr. Während vor den Tischen ein weiß gewandeter Priester hockt, ständig eine Glocke läutet und leierndes unverständliches Gebrabbel von sich gibt (sic!), kommen und gehen ständig Leute, setzen sich, stehen wieder auf, schwatzen miteinander, rauchen, spielen mit den Kindern und benehmen sich auch sonst ganz so, als sei hier eher ein Familienfest im Gange. Alle, die bereits sitzen und auch sitzen bleiben, hocken tatsächlich im Schneidersitz (Frauen auf andere Art als Männer, wird mir gezeigt). Die meisten schauen in ihr Handy. Über uns haben währenddessen mehrere Männer ein provisorisches Zelt aufgebaut – auch der Balinese möchte beten ohne zu schwitzen.
Ich frage Karang, einen jungen Angestellten des Hotels, der uns auch den Sarong gebunden hat, wie der Ablauf ist und dass ich mich sehr über diese sehr unzeremonielle Zeremonie wundere. Das wird noch anders, bekomme ich versprochen. Die notwendige Einleitung des ganzen Rituals durch den Priester dauert gut eine halbe Stunde und betrifft die anderen Personen nicht wirklich. Deswegen ist noch Dorffest angesagt – nur Gudrun und ich hocken die ganze Zeit da und versuchen ernsthaft und respektvoll auszusehen. Mir schlafen die Beine ein.
Dann, auf irgendein Zeichen, hocken sich alle hin und es wird wirklich feierlich. Vor jedem Betenden steht ein sogenanntes Offering, das ist ein kleines quadratisches flaches Körbchen, in dem ein paar verschiedene Blütenblätter liegen plus ein Räucherstäbchen, das schon die ganze Zeit vor sich hinräuchert. In drei Runden werden dem Körbchen bestimmte Blüten entnommen und in den zusammengelegten Händen über den Kopf gehalten. Danach werden sie jeweils auf den Boden oder auf den Kopf gelegt oder hinter die Ohren gesteckt. Das ganze hat ein bestimmtes System, soviel ist klar. Warum und welches dagegen nicht – aber das macht nichts. Auf die Stimmung dabei kommt es an, und die ist freundlich und liebevoll. Ähnlich dem katholischen Abendmahl geht anschließend einer durch die Reihen, mit einer kleinen Schale mit rohen Reiskörnern und einer weiteren Schale mit geweihtem Wasser. Jeder der möchte (alle möchten, auch wir) bekommt ein paar Mal mit einer Art kleinem Reisigbesen etwas Wasser in die Hände gespritzt, welches er dann symbolisch zum Waschen und Trinken verwendet. Auf das nasse Gesicht und Hals drückt er dann ein paar Reiskörner, die dort kleben bleiben. Diese und die Blüten hinter den Ohren bleiben üblicherweise den ganzen Tag dort, als Zeichen, dass man als guter Gläubiger das Ritual vollzogen hat.
Nach ziemlich genau einer Stunde ist der ganze Spaß vorbei – uns ist bis heute nicht klar, woher die Angestellte die Idee nahm, das ganze würde zwei Stunden dauern 🤔. Nun wieder allgemeines Schwatzen und Lachen, dem Priester wird gedankt und alle machen sich über die Opfergaben her: jeder nimmt sich irgendeine Kleinigkeit und isst oder räumt Kram zusammen oder tut sonstwas. Wir unterhalten uns mit ein paar Leuten und nutzen die Zeit für ein paar Fotos (siehe oben).
Letzlich sind wir der Kultur wohl keinen Schritt näher gekommen, aber wir haben bei den Angestellten jetzt einen ziemlich großen Stein im Brett. Nicht, dass uns der irgendwelche echten Vorteile verschaffen würde, aber uns gefällt die Vorstellung, vielleicht nicht mehr nur als beliebige reiche Bule gesehen zu werden, sondern als interessierte Bule 😊






